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NOTIZBUCH DER GRABSPRÜCHE – LESEPROBEN
In der „Frankfurter Anthologie“ vom 20. Dezember 2014 erscheint „Noël! Noël!“ zusammen mit meinem Selbstkommentar Weihnachtsbirnen an einem Sommertag“. Lesen Sie beides hier [PDF, nach unten scrollen]
Maibanner ich habe Glücksfälle für dich erfunden Unglücksfälle Abbruchhalden da liegst du rostfrei inmitten aller Herrlichkeiten totgeglaubter Zufallsparadiese die Wahrheit ist kleiner! kleiner als ein Haar? Wie es wahr ist wenn du liebst ich habe einen Idyllendichter in einem Steinhaus so lange mit Kehricht gefüttert und er narrt mich mit einer Blüte strenger Poesie!
Weg nach Varengeville endlich auch seine Briefmarke gesehen luftgeschneidert die Zacken sind Salzkristalle und hinter einem Kreidefelsen lag mein früheres Leben ein junger toter Rochen von der Flut über den Stein geblättert und vom wahnsinnig wegsinkenden Meer verlassen später kam es als Junge über den Strand in jeder Hand am langen Ende baumelnd ein junger toter Rochen zwei sind es zwei oder keins und wieder wie der Kies am Meer
Metro, Meer wir fuhren rasend durch das schwarze lange Loch schon nach Porte de Clignancourt und Rotem Schloß schärfer als die Sekunden liefen Engel oder Schläger mit Stöcken auf die Plattform und prügelten die Scheiben ein die Waben aus dem falschen Eis das Glas fuhr wie irre Bienen uns um die Ohren ich drehte den Kopf ab in deine Furche ich spürte nur dein Herz in meinem Nacken ich lebe noch sagte ich ich war wie verwundert wir haben diesen schweren schlechten Wein getrunken aber das war es nicht ich sah uns im Wasser treiben wie Badende ohne den Schmutz der Kleider wie zwei flatternde Kälber von strengen Walen du und ich der gleiche Strohhalm in beiden Seelen ich saugte an deinem Delta verlor das Alphabet wir küßten uns die Ohren und froren nicht die kleinen Propheten deiner Finger lallten lasen im Wasser ihr glashelles Buch aber unsere Augen gingen plötzlich zu als ob sie sich noch schämten
Animula vagula blandula hospes comesque corporis quae nunc abibis in loca pallidula rigida nudula nec ut soles dabis iocos HADRIAN Römischer Kaiser 117–138
Auf dem Sterbebett: Hadrian I SEELCHEN steigst aus dem Schälchen dem Kehlchen schälst dich heraus-aus dem Körper gehst fort in die Fort-Orte bleich-steif-nackt wirst nicht mehr spielen mit mir! II SEELELCHEN Wägelchen Bändelchen Gästin-Gefährtin des Leibes die du nun fortgehst in andere Orte Bleichelchen Steifelchen Nüdelchen wirst nicht mehr scherzen wie vorher mit mir! III SEELELCHEN Schmetterling Schmeichlerin schleichst dich weg aus deinem Leibesding gehst fort in jene Orte hin schleichst so bleich und nicht mehr weich wirst – Schmerz – nicht mehr scherzen nicht mehr!
Noël! Noël! einmal kam mit seiner dreijährigen Tochter ein Müder Meister von Orléans nach Orléans 25 Jahre Haft längst in seinen Knochen im Ohr das Schlagen einer englischen Glocke in der Hand die Asche von Sternen an einem sommersprossigen siebzehnten Juli und Kinder schrieen fröhlich: Noël! Noël! Solange schreibt man Angst bis sie es nicht mehr sehen kann solange hältst du auf dein Glück zu bis es dir in den Rücken fällt solange schreit man Weihnacht! bis sie kommt
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Ralph Dutli  Schriftsteller
Ein Tödlein aus Ambras aus der Wunderkammer tänzelnd den Raum einpackend das Spielbein ist Standbein o schweigsame Birnbaumbagatelle Zentimeterchen zweiundzwanzigeinhalb hoch schielendes Pseudo-Amörchen mit den aberfalschen Pfeilen dem Flitzbogen: Mensch! von Embryo-Größe ein geschnitztes Tödlein o Pink Blue Baby Ribbon! ohne Sehne du hast keine Sehne ohne alles was es ausmacht ultimatives Schnuckelchen bitter-Birnenschmatz Parade-Schnitzelchen in extremem Kontrapost pfeilklein klein sein Aberpfeil
Aufgenommen in: Peter von Matt / Dirk Vaihinger (Hrsg.): „Die schönsten Gedichte der Schweiz“ Nagel & Kimche Verlag, Zürich 2002, S. 204
Neun Oliven, 2 das simple Design der Wunder das schmeichelnde Faseln des Glücks wenn du es endlich im Mund trägst festfleischiges Merkmal das die Fantasie vermehrt ölhaltig! kirschgroß & mundgerecht wie nur die Poesie das Öl der langen Tage der liebenden Gelenke wenn die Laute denken aber: Leise!
Aufgenommen in: Peter von Matt / Dirk Vaihinger (Hrsg.): „Die schönsten Gedichte der Schweiz“ Nagel & Kimche Verlag, Zürich 2002, S. 205
© Ralph Dutli 2019
FAZ: Frankfurter Anthologie – „Noël! Noël!“ von Ralph Dutli Sprecher: Thomas Huber Video auf Youtube veröffentlicht am 08.03.2016