Rutebeuf – Winterpech & Sommerpech Richard de Fournival – Das Liebesbestiarium Fatrasien – Absurde Poesie des Mittelalters
im Wallstein Verlag, Göttingen
Ralph Dutlis „Kleine Trilogie des 13. Jahrhunderts“ zeigt mit bisher unbekannten, seit 750 Jahren erstmals aus dem Altfranzösischen übersetzten Texten ein bizarres, fremdes und zugleich verblüffend modern anmutendes literarisches Mittelalter: intellektuell anregend, phantastisch, poetisch, gern auch spottlustig, derb und unhöfisch.    Der Band Fatrasien (Wallstein Verlag 2010) mit anonymen, um 1290 in der nordfranzösischen Stadt Arras entstandenen Texten legt die Wurzeln der absurden Dichtung frei und spürt dem Ursprung von Dadaismus und Surrealismus im Mittelalter nach. Wo in der Weltliteratur gibt es fliegende Esel, schwangere Männer, totgeborene Greise, kopflose Schönheiten, Lieder aus Lauchsuppe und Würste aus Glas? In den Fatrasien!       Richard de Fournivals Liebesbestiarium (Wallstein Verlag 2014) entstand um 1250 und bedeutete eine literarische Revolution. Vor dem Hintergrund einer tausendjährigen Tradition religiöser Tierbücher schuf der aus Amiens stammende Kleriker Richard de Fournival (1201–1260), ein Nachfahr Ovids im 13. Jahrhundert und früher Liebespsychologe, ein weltlicherotisches Bestiarium, das er an eine geliebte Frau richtete. Wo hat sich ein Autor je mit einem verrückten Hahn, einem brüllenden Esel, Affenjungen, Rebhuhnküken, unausgebrüteten Straußen-Ei verglichen?       Zuletzt der Pariser Dichter Rutebeuf (1230–1285) mit Winterpech & Sommerpech  (Wallstein Verlag 2017), ein urbaner Poet neuen Typs, radikal subjektiv und unhöfisch, der in Poemen voller Verzweiflung, Empörung, Poesie und Witz von seinem Leben berichtet und Einblicke in die marginalen Milieus der verarmten Intellektuellen und Spielleute vorführt. Er ist ein Vertreter des akademischen Prekariats im 13. Jahrhundert, ein Allrounder der Schreibfeder, zeitkritischer Seiltänzer über existentiellen Abgründen, ein Hiob in den Pariser Straßen. Ein Mahner und Warner vor Falschheit und Heuchelei, vor Geldgier und Geiz.      Die drei Flügel dieses mittelalterlichen „Triptychons“ wollen vor allem eines: die Phantasie des Lesers beflügeln, von einem neuen, bizarren, aufregenden Mittelalter träumen machen. Sie bedeuten die dreifache Wunderdroge der Poesie und die Wurzeln unserer Moderne im Mittelalter. Sie sind eine Verkörperung überzeitlicher Welt-Poesie in einem längst nicht abgelegten, mittelalterlichen Kleid.
(ÜBERSICHT)
KLEINE TRILOGIE DES 13. JAHRHUNDERTS
© Ralph Dutli 2018